Stefan und die Taschenrechner


Anfänge


In der Grundschule zeigte es sich noch nicht. Als die vierte Klasse damals zu Ende ging und das Gymnasium vor der Tür stand, meinte meine Klassenlehrerin zu meinen Eltern: „In Mathe wird er Schwierigkeiten haben.“

Vielleicht war genau das der Grund, weswegen es dann ganz anders kam. Vielleicht nahm sich mein Vater diese Aussage zu sehr zu Herzen und wollte es nicht so weit kommen lassen. Jedenfalls erinnere ich mich an unzählige Mathe „Sitzungen“ zuhause, in denen mein Vater mir die Materie näherzubringen versuchte.

Irgendwann kam dann mein Bruder (der sieben Jahre älter ist) in die Oberstufe im selben Gymnasium. Und er hatte u.a. Mathematik LK. Da bekam er einen „ordentlichen“ Taschenrechner geschenkt: den TI-59 von Texas Instruments (rechts).

Mein Vater (Chemiker) besaß schon länger einen Taschenrechner von TI, den SR-56 (links) – also schon ein etwas betagteres Modell, aber durchaus auch schon programmierbar.
Ich kann mich gut erinnern, dass ich meinem Vater das ein oder andere Mal dabei über die Schulter geschaut habe, wie er damit rechnete.

Und diese magisch rot leuchtenden Ziffern haben mich schon fasziniert!

Der SR-56 ist auch programmierbar, aber ich glaube nicht, dass mein Vater viel Gebrauch davon gemacht hat.

Ich kann mich noch erinnern, dass wir damals zu Vobis nach Aachen gefahren sind, denn zu dieser Zeit (es muss um 1979 gewesen sein) war Vobis der wohl einzige Computerladen, der auch diese programmierbaren Taschenrechner verkaufte. Das war ja alles gerade erst im Kommen!

Der Preis des TI-59 (mit Magnetkartenleser!) war damals astronomisch und lag bei über DM 900,–!

Für mich war das natürlich noch nichts und ich brauchte sicher auch noch ein Weilchen, um zu verstehen, was da abging, was das für Geräte waren, was die konnten.
 
Aber dann fing es so langsam an, dass ich bei meinem Bruder immer mal gucken kam, was er auf dem Ding so machte. Denn neben dem eigentlichen Zweck, beim Mathe-LK zu unterstützen, beschäftigte er sich intensiv mit dem Gerät und programmierte es Stund‘ um Stund‘. Ich erinnere mich noch an viele Magnetkarten, die alle handbeschriftet waren (auf der Oberseite natürlich!). Die Programme darauf hatten meist mit Physik und Chemie (sein zweiter LK) zu tun. Und dann gabs noch dieses Mäppchen mit den ganzen anderen Karten, die keine Magnetkarten waren, sondern die man nur unterhalb des Displays einschob, damit sie die Belegung der oberen Tastenreihe angaben (was man mit den Magnetkarten nach dem Laden der Programme auch machte). Die Tasten dort hießen nur A, B, C, D, E – wayyy cool für damals!

Aber dann war da auch noch sowas wie „Mondlandung“. Damals ein sehr beliebtes Spiel, was sogar in den Anleitungsbüchern prima erklärt und Schritt-für-Schritt programmiert wurde.
Zwar fehlte die Grafikfähigkeit des Displays, aber auch mit dem so schön hypnotisch rot leuchtenden 7-Segment LEDisplay des TI-59 konnte man durchaus Mondlandung und andere Spiele spielen. Es gab seinerzeit auch (u.a.) im Oldenbourg Verlag (gibts den noch?) Bücher über die Programmierung von Spielen und seriösen Programmen auf diesen TI-Rechnern. Hatten wir!

Später kam dann sogar noch der Drucker PC-100C (rechts) dazu und als man den mit ein paar Tricks auch noch dazu bringen konnte, nahezu als Plotter zu funktionieren (einzelne Pixelzeilen zu drucken), war das natürlich großartig. Funktionsplots auf langen Papierstreifen waren die Folge und natürlich – auch sehr beliebt zu der Zeit (und heute immer noch) – Biorhythmus-Kurven!

Sensationell fanden wir dann etwas später den von TI offiziell angekündigten TI-88, offenbar Nachfolger vom TI-59. Er hatte ein Punktmatrix-LC-Display und zeigte in den Broschüren, die wir hatten, englischen Klartext wie "May I help you?" an – völlig neu für TI damals. Er hatte auch eine YES und eine NO Taste, daran erinnere ich mich noch. Dieser TI-88 kam leider nie auf den Markt, das Projekt wurde offenbar gestoppt.
Vor kurzem bin ich über die sagenhaft guten Webseiten von Jörg Wörner gestolpert und er besitzt einen der noch existierenden zwei TI-88! Auf seiner TI-88-Seite kann man das Teil von innen sehen und noch viel mehr über diesen außergewöhnlichen, aber nie erschienenen Taschenrechner erfahren.

HP-Taschenrechner gab es damals zwar auch schon, aber erstens waren die noch teurer und zweitens fanden wir damals diese ENTER-Taste absolut uncool. Wer tippt denn 5 ENTER 5 * ein, um 5x5 zu rechnen? So ein Quatsch! ;-)
Das wahre Potential dahinter konnten und/oder wollten wir damals nicht sehen...


Ich glaube, ein Mitschüler meines Bruders bekam damals einen HP-41C (links), der als Konkurrent zum TI-59 platziert war.
Sicher: das alphanumerische Display war der Kracher! Echte Buchstaben! Und überhaupt: ein LC-Display war damals noch etwas Neues!
Aber er hatte keinen eingebauten Magnetkartenleser (gabs als Zubehör), war zu teuer und ein Taschenrechner ohne Gleich-Taste war kein richtiger Taschenrechner! Eher ein Exot.

Bis ich in das Oberstufenalter kam, beschäftigte ich mich mit meinem TI-30. Und zwar noch mit dem ersten Modell (was man hier links sieht). Das hatte noch die schönen roten LEDs – und die Batterie war entsprechend schnell  leer. Ich weiß noch, dass ich an ihm ziemlich uncool fand, dass die Tasten allesamt schwarz waren und die Funktionen oben drüber gedruckt waren. Saudoof.

Später bekamen wir den TI-30LCD (sieht man rechts daneben), aber der hatte irgendwie nicht mehr den Flair der alten, „großen“, seriösen TI Taschenrechner mit der roten LED Anzeige. Er machte einen billigen Eindruck und die Tasten prellten schon recht bald.

Von den Features her war der TI-30 ja sehr beschränkt. Von Programmierbarkeit keine Spur – aber für genau dieses Thema war ich so langsam bereit.

Plötzlich tauchte der TI-57 beim ein oder anderen Mitschüler auf (kurz vor der Oberstufe muss es gewesen sein), aber ich stieg um auf Casio: den Casio fx-602p hatte ich – wie so viele andere schöne Taschenrechner und Heimcomputer dieser Zeit – in Köln im Kaufhof oder Karstadt oder Hertie gesehen (wo genau weiß ich nicht mehr) und gleich Feuer gefangen.

Vor allem die Punktmatrix LCD Anzeige hatte es mir angetan!

Das Ding war wirklich klasse! Ich hatte damit lange Zeit viel Spaß und bekam irgendwann sogar auch den Drucker dazu, den man oben anschloss und der auf Silberpapier druckte. Endlich konnte ich meine eigenen Biorhythmuskurven drucken – wenn auch nicht plotten, da der Drucker zum fx-602p nicht pixelgenau angesteuert werden konnte wie der des TI-59.

Aber auch für den fx-602p gab es Hacks! Ich weiß nicht mehr, in welcher Zeitschrift ich das damals las ("Computer persönlich" vielleicht), aber in den Kleinanzeigen fand ich jemanden, der eine Programmsammlung verkaufte inklusive spezieller Programme, die mit dem Display Sachen machen konnten, die Casio so nicht vorgesehen hatte. Da gab es dann die wildesten neuen Zeichen und so konnte man doch etwas mehr Grafikfähigkeit aus dem Kistchen rausholen, als man dachte. So fing das mit dem Hacken also damals schon an ... ;-)
 
To be continued ...